Das Essen der Zukunft
Die Megatrends in der Gesellschaft stellen die Lebensmittelbranche in Südtirol vor neue Herausforderungen. In einem Vortrag im TIS innovation park erläuterte Hanni Rützler vom „Zukunftsinstitut Matthias Horx“ die Trends im Lebensmittelsektor und erörterte die zu erwartenden gesellschaftlichen Entwicklungen der nächsten 25 Jahre, die unser Essverhalten nachhaltig beeinflussen werden.
Der gute alte Tante-Emma-Laden erlebt weltweit eine Renaissance. Das ist eine der Erkenntnisse, die Hanni Rützler in ihrem Vortrag herausarbeitete. Der Tante-Emma-Laden des 21. Jahrhunderts ist allerdings ein Konzept für Restaurants und kein Kolonialwarenladen. In Restaurants, die nach dem Tante-Emma-Laden-Prinzip funktionieren, kann man eben nicht nur essen, sondern auch die Gerichte mit nach Hause nehmen und dort verzehren, sehen, wie sie zubereitet werden oder einfach Zutaten oder bereits vorbereitete Gerichte kaufen und zuhause kochen. Dieses Prinzip fällt in den immer größer werdenden Bereich der sogenannten Convenience-Produkte. Unter Convenience sind alle Nahrungsmittel zusammengefasst, die in irgendeiner Form für den Endverbraucher schon so vorbereitet sind, dass die Zubereitung des Gerichtes weniger Zeit in Anspruch nimmt – von der Salatmischung gewaschen und im Beutel verpackt, bis zum fertigen Mikrowellengericht. Beachten müsse die Lebensmittelbranche in diesem Bereich allerdings einen weltweiten Mega-Trend, nämlich den, der hin zur gesundheitsbewussten Ernährung gehe, erläuterte Hanni Rützler in ihrem Vortrag. Konsumenten kauften verstärkt Produkte, die als „gesund“ gelten und daher müsse auch im Bereich der „Fertiggerichte“ verstärkt auf den Faktor Gesundheit und Frische gesetzt werden, wenn man langfristig am Markt mit seinen Lebensmittelprodukten bestehen wolle. „Bio ist dabei schon lang kein Trend mehr“, so Rützler, „Bio ist schon fast eine Grundvoraussetzung.“
Dass sich die so genannten Convenience-Produkte langfristig am Markt durchsetzen konnten, hat eine ganz einfache Begründung: Frauen drängen seit Ende der 90er Jahre „von der Küche“ verstärkt auf den Arbeitsmarkt. Im Jahr 2000 übertraf beispielsweise in Deutschland die Zahl der Abiturientinnen erstmals die Zahl der männlichen Abiturienten. Daraus ergibt sich langfristig, dass Frauen weniger kochen und dass Essen unter anderen Rahmenbedingungen stattfindet: die Gesellschaft der Zukunft hat weniger Zeit zum Essen, muss sich mit leichten Gerichten ernähren, weil der Anteil der körperlich arbeitenden Menschen zurückgeht und verstärkt geistig gearbeitet wird. Antworten auf diese veränderten Bedingungen bietet, laut Hanni Rützler, vor allem die asiatische Küche. „Sehr gemüsereich, sehr bunt, sehr leicht, sehr würzig und sehr schnell zuzubereiten“, erläuterte Hanni Rützler und fügte hinzu, dass die regionale Südtiroler Küche den Reichtum an verschiedenen Gemüsen, vor allem auf den Speisekarten Südtiroler Restaurants, oft vermissen lasse; dabei gäbe es in Südtirol ausreichend Gemüse, das Vertrauen der Verbraucher in die heimischen Lebensmittelprodukte sei durchaus vorhanden, um den Sektor der gemüsereichen Ernährung in Südtirol auszubauen.
Stichwort Vertrauen: im Faktor Vertrauen der Konsumenten zu den Südtiroler Lebensmitteln sieht Hanni Rützler einen großen Vorteil. „Die Frage: wo kommen die Lebensmittel eigentlich her, die ich konsumiere, wird künftig immer wichtiger werden“, so Hanni Rützler. Zusätzlich wird es immer bedeutender, dass Angaben über Inhaltsstoffe, Rezepturen, Traditionen von Lebensmittel-Produkten für den Kunden erkennbar sind. So gewinne man das Vertrauen der Kunden in Nahrungsmittel, erklärte Rützler. In der Fachsprache bezeichnet man Nahrungsmittel, in die Kunden Vertrauen haben als „trusted food“.
Nahrungsmittel, die in der Region produziert werden, in der der Konsument lebt, genießen in der Regel ebenfalls einen Vertrauensvorschuss. Ein weiterer Trend, den Hanni Rützler daher herausarbeiten konnte, ist der Trend, der – gegenläufig zur Globalisierung - hin zu den regionalen Produkten führt. „Wir sprechen hier von der 100-Meilen-Diät“, erklärte Hanni Rützler. Das bedeutet, dass Kunden verstärkt die Sehnsucht nach Nahrungsmittel verspüren, die in der unmittelbaren Umgebung angebaut und produziert werden.
Ein weiterer Faktor den Nahrungsmittelhersteller nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist die Tatsache, dass der Grundsatz „das Auge isst mit“ Ewigkeitswert besitzt. Das bedeutet nicht nur, dass Gerichte ansprechend serviert werden müssen, sondern auch, dass immer wieder neue Kreationen in der Lebensmittelproduktion entwickelt werden müssen. So wäre zum Beispiel vorstellbar, dass. Schokopralinen in kleine Handtäschchen verpackt werden, „damit das Naschen ‚nobel’ wird“.
60 Zuhörer kamen zum Vortrag von Hanni Rützler in den TIS innovation park. Organisiert hatte das Event der Cluster Alimentaris des TIS. Bettina Schmid, die Managerin des Clusters, konnte am Ende des Vortrags für die im Cluster organisierten Südtiroler Unternehmen folgendes Resümee ziehen: Die Chance für unsere Produzenten liegt sicherlich in dem Bedürfnis der Gesellschaft nach traditionellen, ursprünglichen Produkten, über die wir in Südtirol verfügen. Die Kunst liegt darin, diese nun aktuell zu interpretieren, also zum Beispiel in der Wahrnehmung der Kunden „gesünder“ zu gestalten, in dem ich die Rezepturen beispielsweise fettarmer gestalte. Oder ich sorge für Zeitersparnis, indem ich es als hochwertiges Convenience-Produkt auf den Markt bringe.“
Cluster Alimentaris
Bettina Schmid
bettina.schmid@tis.bz.it
T. +39 0471 068163

